Mach das Spiel nicht länger mit !

Suchtberaterin: "Das Spiel gibt ein Kontrollgefühl"

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Datum: 
21. Juni 2017

WDR: Wer kommt zu Ihnen, um sich helfen zu lassen?

Andrea Rackow: Glücksspielsüchtige sind ganz überwiegend männlich. Zu uns kommen die Betroffenen meist erst dann, wenn die Sucht sie in eine schwierige Situation gebracht hat. Wenn Schulden sich angehäuft haben, wenn die Bank etwas gemerkt hat, wenn die Ehefrau etwas mitgekriegt hat.

Dann versuchen wir, den Ursachen der Sucht auf den Grund zu gehen. Oftmals sind es Menschen, die in einer Broken-Home-Situation (englisch für: zerrüttete, problematische Familienverhältnisse, Anm. d. Red.) aufgewachsen sind - also zum Beispiel ein schlechtes Verhältnis zu den eigenen Eltern, bei den männlichen Patienten vorrangig zum Vater.

WDR: Wie sieht der Weg in die Sucht aus?

Rackow: In manchen Fällen geht die Glücksspielsucht einher mit einem Alkohol- oder Drogenproblem. Der Einstieg in die Sucht startet oft mit einer harmlosen Situation. Zum Beispiel wirft jemand in einer Imbissbude zwei Euro in einem Spielautomaten und gewinnt 30 Euro. Dann geht es weiter.

Das Spiel bietet Entspannung, eine Flucht aus dem Alltag. Das Spiel gibt ein Kontrollgefühl, das dann ab und zu auch belohnt wird mit einem Geldgewinn. Wir therapieren Süchtige aus allen sozialen Gruppen. Der eine verspielt sein kleines Gehalt in einer Spielhalle, der andere verzockt 25.000 Euro am Abend in einem Casino.

WDR: Welche Rolle spielen Spielhallen bei der Spielsucht?

Rackow: Viele heutige Spielhallen sind keine schäbigen Ladengeschäfte mehr, sondern wohltemperierte "Wohlfühl-Oasen" - ohne Blick nach außen. Man tritt ein, setzt sich in schöne Ledersessel. In einem immer angenehm gleich klimatisierten Raum werden einem oftmals umsonst Soft Drinks und Snacks gereicht - und dann beginnt das Spiel.

In der Therapie versuchen wir herauszufinden, warum Menschen diese Situation brauchen, wie das Gehirn diese Erlebnisse abspeichert und immer wieder neu erleben will.

Es geht in der Therapie im Grunde darum, dass Menschen wieder sich selbst fühlen und lernen, was wirklich gut für sie ist.

Die Fragen stellte Martin Teigeler.

Quelle: http://www1.wdr.de/nachrichten/spielsucht-interview-100.html