Mach das Spiel nicht länger mit !

Der Automat gewinnt immer

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Datum: 
27. September 2017

Ein Beitrag von Isabel Sand, Saarbrücker Zeitung vom 27.09.2017

Heute ist bundesweiter Aktionstag gegen Glücksspielsucht. Im Saarland haben über 5000 Menschen Probleme mit Glücksspielen.

Hier drehen sich keine Roulette-Teller, werden keine Poker-Karten an den Tischen verteilt. Nein, hier geht es nicht mondän zu und auch nicht sonderlich glamourös. Dennoch ist es an diesem Abend schwer, einen Sitzplatz vor einem der Spielautomaten zu bekommen. Gerade hat eine ältere Dame neben einer Gruppe Männer Platz genommen. An der Wand gegenüber schmiegt sich eine junge Frau Kaugummi kauend an einen Automaten, während der Herr im grauen Anzug völlig abwesend auf das rote Knöpfchen drückt. Ihre Gesichter sind in künstliches Licht getaucht, niemand von ihnen spricht. Einzig: Es klackt, klickt und klirrt. Töne erklingen, Melodien werden abgespielt. Ganz so als hätten die Automaten ein Eigenleben.

Vor Kurzem saß hier noch Daniel S. (Name von der Redaktion geändert). Seit zwei Tagen hat er nun keine Spielothek mehr besucht. Ein kleiner Rekord für den 33-Jährigen. Denn Daniel ist spielsüchtig. „Wenn ich Geld in der Tasche habe, um Einkäufe zu erledigen oder Rechnungen zu bezahlen, muss ich mich zwingen, das zuerst zu tun. Also noch bevor ich in die Spielhalle gehe, sonst ist alles Geld weg“, erklärt er. Es sei denn, er gewinnt. Aber das passiere nicht so oft. Einmal hat Daniel 3000 Euro gewonnen. „Ab dem Zeitpunkt war es ganz vorbei“, erinnert er sich. Die letzten Schranken der Selbstbeherrschung waren gefallen. An diesem Abend ging er mit etwa 2000 Euro nach Hause. „Aber nur wegen der Sperrzeit.“ Im Saarland gelten für Spielhallen per Gesetz tägliche Sperrzeiten von 4 bis 10 Uhr. Kurze Pause, schlafen, Zeit fürs Frühstück, und dann muss Daniel auch schon auf die Arbeit. „Meistens ist mein Lohn direkt weg.“ Bei seinen Schilderungen wirkt er selbst ein wenig fassungslos: „Ich kenne mein Problem, kann darüber reden, aber diese Sucht ist mit keiner anderen zu vergleichen. Das hätte ich mir niemals träumen lassen.“

Mit seiner Spielsucht ist Daniel S. nicht allein. 2606 Saarländer waren laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2015 süchtig nach Glücksspiel. 2958 gaben an, Probleme zu haben, ihr Spielverhalten zu kontrollieren. Als spielsüchtig gelten Menschen, deren Denken überwiegend ums Spielen kreist, die ihre finanzielle Grundlage gefährden, sich und ihre Familien vernachlässigen und mitunter auch Probleme am Arbeitsplatz bekommen. „Der Gedanke ans Spielen beschäftigt mich den ganzen Tag“, sagt Daniel. „Das ist wie ein schlechter Film“. Um seine Spielsucht zu finanzieren, habe er schon Geld veruntreut und, um Schulden zu zahlen, Drogen verkauft. Schulden, soziale Ausgrenzung, Selbstmordgedanken sind die ständigen Begleiter.

Bis sich ein Spieler zu seiner Sucht bekennt und aktiv etwas dagegen unternimmt, muss der Leidensdruck oft sehr groß sein. Dabei verhält es sich wie mit anderen Süchten auch, weiß Christine Hensler von der Landesfachstelle Glücksspielsucht des Caritasverbandes Saarbrücken: „Man muss es selbst wollen.“ Es gibt verschiedene Beratungsstellen und Therapiemöglichkeiten. In Saarbrücken bietet die Landesfachstelle Glücksspielsucht Beratung und Hilfe für Spieler aus dem Regionalverband an oder informiert über Beratungsstellen in den anderen Landkreisen. Es gibt im Saarland auch die Möglichkeit, an einer ambulanten oder stationären Therapie teilzunehmen. Henslers Kollege, Johannes Sinnwell, gibt allerdings zu bedenken, dass „Spielsüchtige oft mehrere Anläufe brauchen, um das Beratungs- und Behandlungsangebot in Anspruch zu nehmen“.

Auch Daniel S. hat sich beraten lassen. Hoffnung für sich selbst sieht er allerdings nur in einer stationären Behandlung. Raus aus dem Alltag, in dem sich alles nur ums Gewinnen und Verlieren dreht. „Das Schlimme ist, dass überall Spielhallen sind. Saarbrücken ist ganz extrem. Da schafft man es vielleicht mal einen halben Tag, nirgendwo reinzugehen, und zum Schluss landet man doch wieder dort“, erklärt er. Allein in der Landeshauptstadt gibt es laut der Pressestelle der Stadt derzeit 47 Spielhallen und 231 Gaststätten mit Spielgeräten. Der Automaten-Verband Saar gibt an, dass es 2016 im gesamten Saarland 2375 Geldspielgeräte, verteilt auf 139 Spielhallenstandorte, gab. Weitere 2361 Spielgeräte seien in Gaststätten zu finden.

„Vor dem Hintergrund der in diesem Jahr in Kraft getretenen Regulierungsmaßnahmen für Spielhallen ist davon auszugehen, dass sich deren Anzahl bereits reduziert hat und in den kommenden Monaten noch weiter reduzieren wird“, sagt Christian Antz, der Vorsitzende des Automaten-Verbands. Das saarländische Spielhallengesetz  sieht seit 1. Juli dieses Jahres einen Mindestabstand von 500 Metern zwischen zwei Spielhallen sowie ein Verbot von Mehrfachkonzessionen vor. Der Aufschrei der Spielhallenbetreiber war groß. Sie fühlen sich als Verlierer. Sehen im Saarland rund 800 Jobs in Gefahr (wir berichteten). Ausgerechnet heute, am Aktionstag gegen Glücksspielsucht, der auf das hohe Suchtpotenzial aufmerksam machen will, wollen die Spielhallenmitarbeiter eine Petition im Landtag vorlegen, um die Schließungen zu verhindern.

Daniel S. hatte darauf gehofft, dass zumindest einige der Spielhallen schließen müssen. Doch derzeit sieht es nicht danach aus. Laut der Pressestelle der Stadt Saarbrücken wurden zwölf Verlängerungen für Konzessionen, die zum 30. Juni ausgelaufen waren, nicht genehmigt. Die betroffenen Spielhallen-Betreiber sind vor Gericht gezogen. Neben dem Wegfall von Arbeitsplätzen geht es natürlich auch ums Geld. Der Automaten-Verband Saar gibt an: „Nach einer regelmäßig durchgeführten Erhebung des Instituts für Handelsforschung in Köln lag das durchschnittliche monatliche Einspielergebnis von Geldspielgeräten, ohne Mehrwertsteuer, im Jahr 2015 in gewerblichen Spielhallen bei 2113 Euro und in Gaststätten bei 1067 Euro.“ Und auch die Kommunen verdienen. Der Pressestelle der Stadt zufolge nahm Saarbrücken im Jahr 2016 mit der Vergnügungssteuer 3 466 477 Euro ein.

Und Daniel? Der hat es vor einigen Tagen geschafft, die Spielothek mit 30 Euro zu verlassen. Das muss irgendwie bis zum Ersten des nächsten Monats reichen.